Nonnenflucht
Aus dem Augustinermönch Martin Luther wird mit der Heirat der Nonne Katharina von Bora ein fürsorglicher Familienvater. Luther als Familienoberhaupt zu bezeichnen wäre unpassend. Die Rollenverteilung des berühmten Ehepaars ist geprägt von Katharinas Entschlossenheit, Tatkraft und Fleiß. Als gelernte Ordensfrau, schließlich ist sie schon mit 6 Jahren in ein Kloster gekommen, [1] hat sie die wirtschaftlichen Abläufe eines Kloster verinnerlicht. Sie führt den Haushalt ihrer Familie im Lutherhaus wie die gestrenge Äbtissin eines Klosters. Nicht umsonst spricht Luther von seiner Frau humorvoll als "Herr Käthe".
Wir als Beschreibende, wenden uns der Vorgeschichte der Heirat zu und beginnen mit der berühmten Nonnenflucht. So bekommen wir einen guten Überblick über die Geschehnisse um das Jahr 1523.
Für Nicht-Lutherkundige gibt es zunächst den Überblick über die wichtigsten Personen:
- Katharina von Bora - entflohene Nonne, ab dem Jahr 1525 die Frau Martin Luthers
- Leohnhard Koppe - Ratsherr in Torgau. Maßgeblich als Fluchthelfer an der Nonnenflucht beteiligt
- Lucas Cranach d. Ä. - Hofmaler, Freund Martin Luthers. Nimmt (wahrscheinlich) die Nonnen in Wittenberg auf
- Hieronymus Baumgärtner - Patriziersohn, Wittenberger Student, Verehrer von Katharina von Bora
- Caspar Glatz - Pfarrer in Orlamünde. Brautwerber der Katharina von Bora
- Nikolaus von Amsdorf - Theologe und Reformator, Freund Martin Luthers. Er ist involviert in die Geschehnisse rund um die Nonnenhochzeiten
- Georg Spalatin - kurfürstlicher Sekretär. Er steht im regen Austausch mit Martin Luther, bezüglich der Nonnenflucht
Kloster Marienthron 1509 - 1523
Am 07. April 1523 fliehen 12 Nonnen aus dem Zisterzienserkloster Marienthron bei Grimma. Bekannt ist es auch unter dem Namen Kloster Nimbschen. Die Abtei liegt ca. 100 km von Wittenberg entfernt.
Marienthron ist seit Gründung im Jahr 1356 ein reiches Kloster mit viel Grundbesitz. Zum Kloster gehören damals: 1800 Schafe, 57 Rinder, 30 Pferde, 1 Deckhengst, 4 Kutschpferde, 8 Fohlen, 674 Schafe im Bereich des Klosters und 80 Schweine. Angebaut werden Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Erbsen, Rüben. Aus Hanf und Flachs wird Tuch hergestellt. [2]
Die umfangreiche Bewirtschaftung wird durch den Frondienst der umliegenden Bauern geleistet. Wenn sie den ganzen Tag für das Kloster arbeiten, erhalten sie zwar Essen und Trinken und auch Geld für das Scheren der vielen Schafe, aber das Kloster drückte sich Anfang des 16. Jahrhunderts immer öfter um die korrekte Bezahlung. Zumal die Vergütung bereits vor langer Zeit festgelegt wurde und den Wert der Arbeit schon lange nicht mehr angemessen widerspiegelt. [3]
Ca. 40 Angestellte übernehmen zusätzliche Arbeiten: Kellermeister, Bäcker, Müller, Schmiede, Holzhacker, Hellenheißer, darunter 6 Ackerknechte, 2 Fohlenhirten, Kuh- und Schweinhirt, Gänsehirt, Käsemutter, Köchin mit 2 Mägden, sowie Mägde auf den Vorwerken. [2]
Zu Luthers Zeiten, um das Jahr 1513, leben 43 Nonnen hinter den Klostermauern. Katharina von Bora wird im Jahr 1509 als Vorletzte aufgenommen, nach ihr folgen nur noch das Schwesternpaar Ave und Margarethe von Schönfeld. [4]
Geleitet wird das Kloster bis in das Jahr 1536 von der Äbtissin Margarethe von HAUBITZ. Sie ist Katharinas leibliche Tante mütterlicherseits. Beschrieben wird sie als:
"ein ehrliches, frommes verstendiges Weybsbildt" [3]
Ebenfalls im Kloster ist Magdalena von Bora, die Schwester des Vaters von Katharina. [5] Sie wird später als "Muhme Lehne" mit der Familie Luther im Wittenberger Lutherhaus leben.
Das Kloster löst sich nach 1536 auf, verfällt und wird zur Ruine.
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Die 12 Nonnen
In einer "bedeckten" Kutsche (Plan- oder Rüstwagen [6]) machen sich 12 Nonnen, zusammen mit den Fluchthelfern: dem Ratsherren Leonhardt Koppe, dessen Cousin Wolf von Dommitzsch und seinem Vetter (unbekannter Name) auf den Weg nach Wittenberg:
- Katharina von Bora - die spätere Frau Martin Luthers
- Ave von Schönfeld (auch Eva Schönfeldt) - um das Jahr 1523 wird sie von Martin Luther umworben [7]
- Margarete von Schönfeld - die Schwester Ave von Schönfelds
- Magdalena von Staupitz - Schwester von Johann von Staupitz, Prior des Tübinger Augustinklosters und späterer Beichtvater Martin Luthers [8]
- Elsa von Canitz (Else von Kanitz) - wird später Lehrerin in Wittenberg
- Veronika von Zeschau - Tochter von Heinrich von Zeschau aus dem Dorf Obernitzschka
- Margarete von Zeschau - die Schwester von Margarete von Zeschau
- Ave Gosse
- Lonata von Golis - wird Pfarrfrau in Colditz, danach Pfarrfrau in Leisnig
3 Nonnen kommen bei ihren Verwandten unter:
- Gertraud von Schallenberg
- Else von Gauditz
- Eine Nonne unbekannten Namens
Fluchtgrund
Wie kommen die 12 Nonnen eigentlich darauf, aus ihrem Kloster zu fliehen? Was ist ihr Beweggrund? Das Vorgehen der Nonnen ist zu jener Zeit zwar bemerkenswert aber nicht außergewöhnlich. Am Beispiel des Augustinerordens lässt sich erkennen, welchen Einfluss die Reformation auf Klöster hatte: Nach dem Thesenanschlag 1517 haben viele Augustinermönche den Orden verlassen, weil sie sich dem Mönchsgelübde nicht mehr verpflichtet fühlten. In den Jahren 1520/21 sind von den insgesamt 160 Augustinerklöstern der deutschen Provinzen 69 verloren gegangen. [9] Die Schriften Martin Luthers verbreiten sich nach dem Thesenanschlag in Windeseile. Luthers Schriften müssen also auf irgendeinem heimlichen Weg nach Marienthron gelangt sein.
Auf welchem Weg, ist nicht bekannt, aber es gibt Mutmaßungen:
- Wolfgang von ZESCHAU ist Prior eines Augustinerklosters in Grimma. Das liegt nur wenige Kilometer entfernt vom Kloster Marienthron. Martin Luther besucht im Jahr 1516 das Kloster. Er hatte also Kontakt mit Wolfgang von Zeschau, dessen leibliche Nichten im Kloster Marienthron leben. Die beiden Nonnen, Veronika und Margarete Zeschau, sind dann unter den 12 geflohenen Nonnen. [10]
- Die Mutter des Fluchthelfers Leonhard KOPPE ist eine geborene von Amsdorf. Nikolaus von Amsdorf ist Wittenberger Professor und der beste Freund Martin Luthers. Möglicherweise hat Koppe, der als Großhändler Waren, hauptsächlich Heringe und Stockfische als Fastenspeise nach Marienthron liefert, Schriften Martin Luthers in das Kloster geschmuggelt. [10]
Martin Luthers Bibelstudien führen ihn zu der Erkenntnis, dass die gegenwärtige Lehre und Praxis nicht mit dem was in der Bibel niedergeschrieben steht übereinstimmt. Besonders das Zölibat, die Ehe- und Familienlosigkeit, bedarf nach Luthers Ansicht einer Reformation.
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Versteck in Heringstonnen
Ob sich die Nonnen auf dem Weg nach Wittenberg tatsächlich in Heringsfässern verstecken, wie oftmals behauptet wird, ist nicht nachweisbar. Ein solches Vorgehen ist aber nicht von der Hand zu weisen, wenn man bedenkt, dass ihre Flucht durch das antireformatorisch gesinnte Sachsen, unter der Herrschaft Herzogs Georg des Bärtigen führt [11]. Auf Nonnenraub steht zu jener Zeit die Todesstrafe, so dass große Vorsicht durchaus geboten ist.
Gottfried Arnold, der deutsch pietistische Theologe, sieht das Ereignis anders. Er bezieht sich in seiner Kirchen- und Ketzerhistorie auf ein Textfragment, das aus einer nicht näher bekannten Torgauischen Chronik stammt und in der es heißt:
am Osterfeste aus dem Kloster Nimptschen, dessen Güter und Fuhrwerke sich damals fast bis gen Torgau erstrecket, neun adeliche Jungfrauen auf einem bedeckten Wagen, gleich als führe er ledige Häringstonnen, herausgebracht. [11]
Aus diesem Fragment macht Gottfried Arnold kurzerhand ein "hinter Heringstonnen".
Ob nun in oder hinter, der genaue Ablauf der Nonnenflucht liegt im Dunkeln der Geschichte. Gelegentlich wird von aufgebrochenen Klosterpforten oder über Leonhardt Koppe, dem Fluchthelfer, gesprochen, wie er den Nonnen über die Klostermauern hilft. Nichts davon lässt sich eindeutig bestätigen. Einzig der Zeitpunkt der Nonnenflucht ist dokumentiert: Georg Spalatin, der kurfürstliche Sekretär, legt ihn auf die Nacht des Sonnabends vor Ostern, den 07. April 1523. [11]
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Unterbringung in Wittenberg
Am 3. Ostertag des Jahres 1523 (11. April) erreichen die 9 Ordensschwestern Wittenberg (die anderen 3 Nonnen sind bereits bei ihren Verwandten untergekommen).
Per Boten hat Luther bereits Briefe an die Verwandten der Nonnen verschickt, mit der Bitte, sie mögen ihre Angehörigen doch bei sich aufnehmen. Wie zu erwarten, bleibt das jedoch erfolglos. Berichte erzählen, dass er sie daraufhin bei "ehrlichen Leuten" unterbringt. [11] Wo genau die Nonnen Unterkunft finden, ist nicht eindeutig klärt, lässt sich aber auf 2 Personen bzw. Wittenberger Haushalte eingrenzen:
Lucas Cranach d. Ä.
Der Hofmaler Lucas Cranach d. Ä. besitzt seit dem Jahr 1517/18 den größten Hof in Wittenberg, in der Schloßstraße 4. Es ist davon auszugehen, dass die Nonnen dort zunächst Aufnahme finden.
Philipp Reichenbach
Ein Gutachten der Theologischen Fakultät der Wittenberger Universität Leucorea aus dem Jahr 1630 erwähnt den Namen Philipp Reichenbach, bei dem die Nonnen untergekommen sind. Reichenbach studiert ab 1506 Recht in Leipzig. Er wird 1525 Stadtschreiber in Wittenberg und 1530 Bürgermeister. [12] Reichenbach wohnt damals in der Bürger-Meister-Gasse 12 (heute Bürgermeisterstraße 12 [13]) und soll zumindest Katharina von Bora aufgenommen haben. Sie verhält sich dort "stille und wohlverhalten". Sie benimmt sich also, was nicht mit den Gerüchten übereinstimmt, die die katholische Kirche über sie gestreut hat. Nach deren Aussage hat Katharina von Bora, bis zu ihrer Hochzeit mit Luther, einen "liederlichen Lebenswandel" geführt. [11]
Es ist möglich, dass beide Hinweise ihre Berechtigung haben. Katharina von Bora wird bei Reichenbach untergebracht, die restlichchen 8 Nonnen auf dem Hof Lucas Cranachs d. Ä..
Brautschau
Kaum ist Flucht der 12 bzw. 9 Nonnen geglückt, beginnt auch schon ein lebhaftes Brautwerben unter den männlichen Wittenberger Heiratskandidaten. Nikolaus von Amsdorf schreibt an den kurfürstlichen Sekretär Georg Spalatin:
9 der Nonnen sind zu uns gekommen. Sie sind schön, fein und alle vom Adel, unter welchen ich keine Fünfzigjährige finde. Die älteste unter ihnen, meines gnädigen Herrn und Oheims Dr Staupitz Schwester, hab ich dir, mein lieber Bruder, zugerechnet einem ehelichen Gemahl, damit du dich mögest eines solchen Schwagers rühmen, wie ich mich eines solchen Oheims rühme. Willst du aber eine jüngere ..., sollst du die Wahl unter den schönsten haben.
Auf dieses Angebot wird Georg Spalatin jedoch nicht eingehen. [14]
Das Werben um Katharina von Bora
Martin Luther hat von Anfang an vorgehabt, die geflohenen Nonnen schnell zu verheiraten. Er vermittelt zwischen Hieronymus BAUMGÄRTNER, dem jungen, talentierten Studenten und Patriziersohn und Caspar GLATZ, dem bereits 60 jährigen Doktor der Theologie. Die beiden Männer scheinen vielversprechende Kandidaten für eine Heirat mit Katharina.
Hieronymus Baumgärtner
Hieronymus Baumgärtner lernt Katharina im Haus von Philipp Reichenbach oder Philipp Melanchton kennen. [15] Beide verkehren in Wittenberg in den selben Kreisen junger Studenten. Sie nennen Katharina von Bora respektvoll "Katharina von Siena", jener italienischen Mystikerin, die im Jahr 1461 posthum heiliggesprochen wurde. [15] Sicherlich ein deutlicher Hinweis darauf, wieviel Wert Katharina damals auf eine fromme, reine Lebensführung legt.
Baumgärtner lässt Luther wissen, dass er Katharina nicht abgeneigt ist und auch Katharina empfindet Zuneigung für ihn. Alles scheint perfekt. Vor einer Studienreise gibt Baumgärtner nun Katharina das Versprechen, bald wieder nach Wittenberg zurückzukehren. Er macht sich auf den Weg nach Nürnberg wohin es ihn beruflich verschlägt. [16] Monate um Monate vergehen, ohne dass Baumgärtner zurück nach Wittenberg kommt. Die Ehe kommt letztendlich nicht zu Stande. [11] Wahrscheinlich intervenierten Baumgärtners Eltern, in dem sie ihrem Sohn kurzerhand verboten, eine geflohene Nonne zu ehelichen.
Caspar Glatz
Nun, da aus der Heirat mit Hieronymus Baumgärtner nichts wird, drängt Luther im Jahr 1524 Caspar Glatz dazu Katharina von Bora einen Heiratsantrag zu machen. Sie ist davon keineswegs begeistert und erklärt dem engen Freund Luthers Nikolaus von Amsdorf, er solle Luther diese krude Idee austreiben. Allerdings macht sie ein Angebot: Möge Martin Luther oder Nikolaus von Amsdorf selbst sie zur Frau haben wollen, würde sie sich nicht verweigern! Den Caspar Glatz könne sie jedoch nicht heiraten, weil er eine aufbrausende Art habe, die ihm bereits in seinem Amt als Pfarrer geschadet hatte. [11]
Gerüchte
Eine katholische Schmähschrift, verfasst von einem Doktor Rheinwald, aus dem Jahr 1842, niedergeschrieben in Mainz, macht aus dem gesamten Vorgang ein hitziges Umwerben mit Katharina von Bora im Mittelpunkt des Geschehens. Demnach habe sie bereits seit Jahren Mit Caspar Glatz, Nikolaus von Amsdorf und Hieronymus Baumgärtner einen sündhaften Umgang gepflegt. Eine gewisse Bestätigung findet dieses Gerücht tatsächlich in einer Bemerkung des Raynald (?), der berichtet:
Luther habe das gebrauchte Möbel zu sich genommen, nach dem sie sich 2 Jahre lang mit Studenten in Wittenberg herumgetrieben hatte. [17]
Einen Beweis bleibt der Verfasser allerdings schuldig, so dass bis auf Weiteres derlei Gerüchte im Giftschrank der Vergangenheit verschlossen bleiben.
Luthers Beteiligung
Über die Nonnenflucht ist Luther bereits im Vorfeld sehr gut informiert. Dem Torgauer Ratsherren Leonhardt Koppe teilt Luther per Brief mit, dass 9 Nonnen ihre Eltern zunächst um Erlaubnis gebeten haben das Kloster zu verlassen. Rundweg wird ihnen das natürlich verwehrt. Weiter fordert er Koppe auf, die Nonnen zu entführen. Ein Schreiben an den kurfürstlichen Sekretär Georg Spalatin unterstreicht sein Vorgehen. Luther lässt Spalatin wissen:
... diese abgefallenen Nonnen zu mir kommen, ein armseliges Völklein; so aber ehrbare Torgauische Bürger mit sich gebracht haben, nämlich Leonhard Koppe und sein Vetter und Wolfgang Tomizsch, daß man da nichts unrechtes argwohnen kann. [18]
In Wittenberg angekommen, sorgt sich Luther um das Wohlergehen der geflohenen Ordensfrauen. Das zeigt sich darin, dass er selbst Geld spendet um sie in Wittenberg versorgt zu wissen. Kurfürst Friedrich der Weise wird ebenfalls von ihm aufgefordert, einen Geldbetrag zu geben. Darüber verspricht Luther Stillschweigen zu wahren. Am 2. Donnerstag nach Ostern (Miscricordias domini, 19. April 1523) schreibt er an Georg Spalatin:
Vergeßt auch meiner Collecte nicht und ermahnt den Fürsten, meinetwegen zu steuren. O, ich will's fein heimlich halten und Niemandem sagen, daß er Etwas für die abgefallenen Jungfrauen gegeben, die wider Willen geweibet und nun errettet sind. Gehabt euch wohl und betet für mich. [19]
Rechtfertigungsschreiben
Dem Fluchthelfer Leonhard Koppe schreibt Luther am 03. April 1523 (4 Tage vor der Nonnenflucht) einen langen Brief. Darin rechtfertigt und empfiehlt die Nonnenflucht zur Nachahmung und begründet sie mit den Worten:
Denn ein Weibsbild ist nicht geschaffen, Jungfrau zu sein, sondern Kinder zu tragen, wie Gott 1. Mose 1, 28 sprach nicht allein zu Adam, sondern auch zu Eva: »Seid fruchtbar und mehret euch«, wie das auch die weiblichen Gliedmaßen, von Gott dazu eingesetzt, beweisen. [20]
Luthers Heiratsgründe
Martin Luther selbst ist um das Jahr 1523 (eigentlich) nicht bereit zu heiraten. So schreibt er an den kurfürstlichen Sekretär Georg Spalatin:
... nicht dass ich mein Fleisch und Geschlecht nicht fühlte, da ich weder Holz noch Stein bin, sondern weil ich noch keine Lust dazu merke. [17]
Gleichzeitig hat Luther aber nicht vor, ehelos zu sterben. Bei einer seiner Tischreden merkt er an:
Das hatte ich bey mir, ehe ich ein Weib nam, ganz und gar beschlossen, dem Ehestande zu ehren, wenn ich ja unversehens hett sollen sterben oder jetzt auff dem Todtbette wer gelegen, so wolt ich mir haben lassen ein frommes Megdelein ehelich vertrawen vnd derselbigen wolt ich darauff zween (zwei) silberne Becher zu Mahlschatz und Morgengabe gegeben haben. [21]
Fleischeswillen?
Immer wieder macht die Geschichte um die Heirat mit Katharina von Bora den Anschein, Luther hätte sie aus Wollust, bzw. aus "unbändigem Fleischeswillen", wie es so schön heißt, als Weib genommen. Sein Arbeitskollege und Freund, der Sprachgelehrte Philipp Melanchthon schreibt seinem besten Freund Joachim Camerarius:
ich glaube, dass er auch durch seinen Natur zum Heiraten gezwungen worden ist.
Jedoch ist davon auszugehen, das Luther als Mönch mit dem "unbändigen Fleischeswillen" gelernt hatte umzugehen und seine sündige Begierde mit Fasten und Selbstkasteiung in Zaum halten konnte. Seinem Freund Nikolaus von Amsdorf lässt er per Brief mitteilen:
Ich fühle weder fleischliche Lust, noch Brunst, sondern habe einen guten Willen und Gefallen am Ehestand als an Gottes Geschöpf und Ordnung. [21]
Nach biblischen Gesichtspunkten ist die Ehe ein Gebot des Gottes Willen. Luther jedoch fast die Ehe zusätzlich auf, als einen sicheren Hafen, der vor der Ausschweifung des Triebes schützt. [22]
Vorbildfunktion
Luther will auch das vorleben, was er selbst immer wieder predigt:
Ich habe nicht darum ein Weib genommen, als gedächte ich lange zu leben, sondern dass ich meine Lehre mit meinem Exempel bestätiget, den schwachen Gewissen einen Trost hinterlasse. [23]
Trotzreaktion
Einen weiteren Grund, den Luther zur Heirat mit Katharina von Bora bewegt haben dürfte, ist die scharfe Aussage vom Juristen und ehemaligen Rektor der Wittenberger Universität Leucorea Hieronymus Schurff:
Wenn dieser Mönch ein Weib nähme, so würde die ganze Welt, ja der Teufel selber lachen, und er würde dadurch alle vorige Handlungen zunichte machen. [17]
Luther ist nicht gerade bekannt für ein feines, diplomatisches Gespür und wird nun noch aus Trotz und Widerspenstigkeit der Heirat zustimmen. Die Verärgerung des Teufels und der Welt ist für ihn Motivation und Antrieb.
Besondere Ereignisse
Dass sein Vater Hans Luder mit der Heirat seines Sohns zufrieden sein wird, dürfte Martin Luther auch noch das aller letzte Quäntchen Überzeugung erbracht haben. Als letzten Auslöser wird auch der Tod des Kurfürsten Friedrich dem Weisen (am 05.05.1525) angenommen, sowie die Bauernschlacht bei Frankenhausen, ebenfalls im Mai 1525. [24]
Dies und Das
- Der Verehrer von Katharina von Bora, Hieronymus Baumgärtner, ist ein enger Freund von Philipp Melanchthons. Er schreibt 196 Briefe an ihn und widmet ihm am 01. August 1523 sogar ein Gedicht. [11]
- Hieronymus Baumgärtner, der Verehrer von Katharina von Bora, wird zeitlebens mit Martin Luther und Katharina von Bora befreundet bleiben. [25]
- Am 23. Januar 1526 vermähl sich Hieronymus Baumgärtner mit der damals 15 jährigen Tochter des bayrischen Oberamtsmanns Bernhard Dichtel von Tutzingen, Sibylle Dichtel. [25]
- Die Äbtissin (Klostervorsteherin) Margarethe von HAUBITZ des Klosters Marienthron war möglicherweise die leibliche Tante von Katharina von Bora. [1]
- Katharina von Bora ist keineswegs Luthers erste Wahl. Er hält sie zunächst für arrogant und hochmütig. Hochmut ist immerhin eine der 7 Todsünden.
- Die geflohene Nonne Ave von Schönfeld soll eine besonders hübsche Nonne gewesen sein. An ihr zeigt Martin Luther Interesse, er lässt sie jedoch so lange warten, bis sie mit dem Apothekergehilfen aus Lucas Cranachs Apotheke Basilius Axt zusammenkommt. Ihn heiratet sie dann im Jahr 1524.
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Anmerkungen
Belege
- ↑ 1,0 1,1 Katharina von Bora, Biographie, S.7 - S.9
- ↑ 2,0 2,1 Katharina von Bora, Biographie, S.10 - S.11
- ↑ 3,0 3,1 Katharina von Bora, Martin Luthers Frau, S.24 - S.26
- ↑ Katharina von Bora, Biographie, S.9 - S.11
- ↑ Katharina von Bora
- ↑ Katharina von Bora, Martin Luthers Frau, S.41
- ↑ Ave von Schönfeld
- ↑ Johann von Staupitz
- ↑ Geschichte des Augustinerordens
- ↑ 10,0 10,1 Katharina von Bora, Biographie, S.15 - S.16
- ↑ 11,0 11,1 11,2 11,3 11,4 11,5 11,6 11,7 Die Geschichte Catharina's von Bora, S.20 - S.22
- ↑ Katharina von Bora, Biographie, S.21
- ↑ Cranach-Häuser in Wittenberg
- ↑ Der Männer Lust und Freude sein, S.87
- ↑ 15,0 15,1 Katharina von Bora, Martin Luthers Frau, S.58
- ↑ Katharina von Bora, Martin Luthers Frau, S.62
- ↑ 17,0 17,1 17,2 Die Geschichte Catharina's von Bora, S.24 - S.25
- ↑ Die Geschichte Catharina's von Bora, S.15
- ↑ Die Geschichte Catharina's von Bora S.19
- ↑ Martin Luther an Leonhard Koppe - Ursache und Antwort, dass Jungfrauen Klöster göttlich verlassen dürfen. 03.04.1523
- ↑ 21,0 21,1 Die Geschichte Catharina's von Bora, S.26
- ↑ Die Geschichte Catharina's von Bora, S.27 - S.28
- ↑ Die Geschichte Catharina's von Bora, S.35
- ↑ Katharina von Bora, S.28 - S.30
- ↑ 25,0 25,1 Katharina von Bora, Martin Luthers Frau, S.63
